kultur.west
Magazin für Kunst und Gesellschaft in NRW
Text von Stefanie Stadel
Februar 2026

KUNSTFORUM
International
Ein Gespräch mit ANN-KATRIN GÜNZEL
Band. 300 / S. 130 - 139

Der „Bilker Bunker“ ist für diese Ausstellung und ihre Werke wie prädestiniert: mit der expliziten Sichtbarkeit im Stadtbild, der Rauheit der Wände und den Durchbrüchen, welche die Zusammenhänge einer durchgehenden Erzählung in Kapiteln aufscheinen lassen, und seiner ursprünglichen Funktion des Schützens und Bewahrens, also auch mit der Geschichtlichkeit und den Geschichten, die hier aufbewahrt, verdrängt und unvergessen sind. Anys Reimann ist Bildhauerin, Collagen-Künstlerin und Malerin.

Unter die Haut
Duftmaschine, 2023 +
DIVE'N in I-III, 2023
anlässlich der Ausstellung EINTAUCHEN IN DIE KUNST im Museum unter Tage, Bochum / Situation Kunst
Kuration Prof. Dr. Markus Heinzelmann und die StudentInnen der kunsthistorischen Fakultät
Die Arbeiten von Anys Reimann (geb. 1965) bewegen sich zwischen Personifizierung und Auflösung, so auch ihre Werkserie INCARNAT (2009/10), zu der unter anderem die Arbeiten DIVE in I-III gehören. Die Serie erhielt ihren Namen in Anlehnung an den aus der Malerei stammenden Fachbegriff zur Bezeichnung des fleischfarbenen Hauttons.
Anders als der ursprüngliche Ausdruck es tut, bezieht die Künstlerin jedoch alle Hautfarben mit ein. Losgelöst von ihrer körper-lichen Zugehörigkeit und auf den ersten Blick zufällig zusammengewürfelt, präsentiert sie einzelne Hautpartien, die zwar keine figürlichen Personen mehr darstellen, aber doch noch an diese erinnern.
Anhand von aus Hochglanzmagazinen und Werbung ausgeschnittenen Hautfragmenten sucht Reimann mit ihren Collagen auf Ledergrund den Weg unter die Haut und stellt Fragen nach Befind-lichkeit, Sensibilität, Intimität und körperlicher Nähe. Durch Hinwegsetzen über gesellschaftliche Normen und Tabus in Bezug auf den menschlichen Körper begibt sie sich auf die Suche nach dem Wesentlichen: Fernab von Zugehörig-keiten, die auf die Herkunft, die genetische Veranlagung oder die Sozialisierung von Individuen zurückzuführen sind, rückt Reimann sowohl das Individuelle als auch das untereinander Verwandtwerden ins Zentrum der Darstellung. Sie ermöglicht den Betrachtenden somit eine Wahrnehmung, die über personenbezogene Charakteristika hinausgeht und körperliche Merkmale ihrer zugeschriebenen Bedeutsamkeit entbindet.
Diese fluiden Identitätsverhandlungen innerhalb der drei Werke spiegeln sich auch in der Duftmaschine wider Die Abstraktion, die mit der Rezeption der Collagen einhergeht, wird durch die amorphe, aus Glasstücken und Leder zusammengesetzte Maschine zugleich verstärkt und relativiert. Gerüche sind verbunden mit Erinnerungen und sind so in der Lage, die Besuchenden in andere Zeiten, Momente und Stimmungen zu versetzen. Reimann versteht den aus den Schläuchen der Maschine tretenden Duft als Essenz, als das, was ein Individuum ausmacht. Es sind nicht zugeschriebene oder auferlegte Strukturen und Eigen-schaften, es ist das Innere, dem Menschen inhärente, das diesen einzigartig und individuell macht. Dieses Zusammenspiel von Collage und Duftmaschine ist es, was die Wahrnehmung des Intimsten einer Identität greifbar macht. Durch die Duftkomposition - angelehnt an den eigenen Parfumduft, den die Künstlerin seit ihrem zehnten Lebensjahr trägt - porträtiert sie sich auch selbst. Anhand der Wechselwirkung der Bilder und des wahrgenommenen Geruchs ergibt sich für die Besuchenden eine Gesamterfahrung, die es zulässt, Intimität und Nähe zu rekonstruieren. Dies ermöglicht ein Eintauchen in die Essenz der Künstlerin und verbindet sich gleichzeitig mit eigenen Assoziationen, die durch den olfaktori-schen Reiz geweckt werden.
Giulia D'Allotta & Annabella Ernst
a Body of Meaning
publication 2023
„Der erste Schnitt geht tief. Er dringt weit in die Membran visueller Geschichten ein.
Dort seziert er ihre Konstrukte. Zerlegt Vorstellungen von Körpern und Zuschreibungen und befreit sie vom Verknüpftsein mit. … Bis es brach liegt, das zu Sein-Haben und Gelesen-werden. Von dort aus wird es neu zusammengesetzt. Der Eindeutigkeit entledigt.
Körperlichkeit, Identität und Fragen zur Repräsentanz sind maßgebliche Auseinandersetzungen der Künstlerin Anys Reimann. Ihrer künstlerischen Praxis, bei der verschiedene Materialien zusammenfügt und Formen, mannigfaltige Erzählungen und kulturelle Bedeutungen miteinander verschränkt und überlagert werden, liegt ein Verständnis von Identität zugrunde, das Hybridität und ein Speisen am »Topf aller Gesellschaften« als grundlegendes Muster für Identitätsentfaltung versteht.
Anys Reimanns Werke sind Begegnungen mit Personen im Plural.
.....
Die vielen Objekte und Sinneseindrücke im Atelier von Anys Reimann geben einen unmittelbaren Einblick in ihre Arbeitsweise. In ihrem Kosmos agiert sie als Malerin, Architektin, Bildhauerin, Sammlerin, Parfümeurin, Lesende wie Schreibende. Sie zerlegt Körper, obduziert die Sedimente physischer Erscheinungen, um wiederum neue Schichten der Bedeutung zu erzeugen, indem sie verschiedene Medien in Andere übersetzt, mixt und gleichzeitig den Blick auf ihre Konstruktionsmechanismen richtet. Darin bedient sie sich an dem Konglomerat visueller Kulturen und Geschichten, festgehalten in Printmedien verschiedener Generationen wie Modezeitschriften, kunsttheoretischen Büchern und Literatur. Ihre künstlerische Praxis beginnt mit dem Sammeln, dem Durchforsten, mit den Bildern vor den Bildern. Das Gefundene wird aus den ursprünglichen Zusammenhängen gelöst, von begleiteten Körpern und Kontexten getrennt und geordnet. Der Aufenthalt in diesen Ordnungskategorien ist hingegen nur temporär. Sie sind lediglich dafür angelegt, um wieder aufgebrochen und vermischt zu werden, als Moleküle eines fluiden Systems – ein dynamisches Archiv, das sich noch in Papierfetzen liegend durch das Atelier wellt.
Aus einer kunsthistorischen Perspektive ist sowohl der weibliche als auch der Schwarze Körper (und insbesondere der intersektionale Körper) Projektionsfläche einer westlichen, männlichen und heteronormativen Perspektive.
Anys Reimann entwickelt Strategien, die subversiv die Dekonstruktion dieses hegemonialen Diskurses einleiten. In ihren Werken werden weibliche Körper selbstermächtigt, inszeniert und durch eine emotionale Vermittlung von Gestik, Mimik, Haptik und Materialität getragen, die gegen eine heteronormativ-männlich geprägte Repräsentationslogik arbeitet. Besonders deutlich wird dies in der von Anys Reimann als Collage Paintings bezeichneten Serie Le Noire de ... eine Porträtreihe fiktiver Frauen*köpfe. Formvielfältig setzten sich diese Antlitze aus den Fragmenten und Gesichtsbestandteilen einer Fülle von Druckerzeugnissen und Referenzen zusammen, die Reimann aus popkulturellen Quellen zusammengetragen hat.
Unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht der abgebildeten Personen des Ausgangsmaterials wachsen die einzelnen Bestandteile, die individuellen Marker eines Gesichtes, zu einer neuen Person zusammen. Aufgerissene Münder, Brauen, die das Gesicht wie Arkaden überziehen, triumphale Frisuren sowie weite, häufig herausfordernde Augen. Mitunter strecken sie die Zunge heraus, rauchen demonstrativ und rücken damit in die geistige Nähe von Punks oder Drag Queens/Kings, die sich einer Festschreibung zu widersetzen scheinen und gegen die Konventionen der Lesarten protestieren bzw. damit bewusst zu spielen wissen. Diese Multifaces eröffnen kollektive, dynamische Konzepte von Identitäten gegenüber eindimensionalen Fremdzuschreibungen. Sie sind sinnliche und eigensinnige Gegenentwürfe zu gewohnten Porträterzählungen.
Der Titel Le Noire de ... verweist auf den gleichnamigen, 1966 erschienenen, Spiel-
film La Noire de... des senegalesischen Schriftstellers und Regisseurs Ousmane Sembène. Der Film folgt dem Leben der jungen Senegalesin Diouana, die in Dakar als Kindermädchen für eine weiße französische Familie arbeitet und diese nach Frankreich begleitet. Die damit verbundenen Vorstellungen von gesellschaftlichen Aufstiegschancen erfüllen sich für Diouana nicht, stattdessen potenzieren sich die Konflikte um Machtmissbrauch und Unterdrückung. Diouana leistet Widerstand, der in einem radikal destruktiven Ende gipfelt. Der Film thematisiert auf drastische Weise kolonialistische und rassistische Objektifizierung sowie kulturelle Aneignung.
Ousmane Sembène durchbricht in diesem Film den western gaze sowie verkürzende Fremdzuschreibungen wie »La Noire« (Die Schwarze).
Die hybriden Pluralpersonen von Anys Reimann folgen einer ähnlichen Strategie
des Widerständigen. Ihre zusammengesetzten Gesichter bilden nicht die Realität ab, sondern transportieren eine innere Haltung nach außen, die deutlich macht, dass sie die Deutungshoheit über sich eingefordert haben und nicht diskutieren.
In diesen Sinnzusammenhängen entwickelt Anys Reimann auch die Serie Big Women, aus der ‚Black Plateau’ als ihr erstes grosses Collage Painting, das 2020 entstanden ist, bezeichnet werden kann. In dieser Serie verwendet sie auch Codes aus der queer-feministischen Geschichte. Wie im Titel anklingt, handelt es sich hierbei um große Frauen*. Möglicherweise nicht ausschließlich
ein Verweis auf die Größe der Porträts und die Haltung der Personen, sondern auch ein Hinweis auf die popkulturelle Bedeutung des Ausgangsmaterials. So tragen die überkreuzten Beine Marlene Dietrichs den Torso der Allegorie der Nacht des Medici-Grabmals von Michelangelo. Anys Reimann sampelt Bilder einer male gaze-konstruierten ›Weiblichkeit‹, dabei »[...] verweist jedes Sample [...] auf das Original, oder besser: auf eine frühere Version, und liefert mit sich selbst gleichzeitig eine neue Version.«
Dabei setzt sie auf modische Erweiterungen und Accessoires. Ihre Figurinen, wie Reimann sie selbst bezeichnet und womit sie sprachlich im Bereich des Entwurfes verhaftet bleiben, tragen hohe Schuhe, vorzugsweise Plateauschuhe, die, wie etwa bei Black Plateau, überdeutlich als private, mobile Bühne, Plattform und buchstäblich als Trägermaterial in den Vordergrund gerückt werden. Die durch hohe Schuhe veranlassten dramatischen Gangarten und Haltungen untermalen die Konstruktion von Inszenierungen von Körperlichkeit. Nach der Design-Theoretikerin Anna-Brigitte Schlittler bildet der Plateauschuh, welcher in den Zwischenkriegsjahren erfunden wurde, die Antithese zu normierten, gedrillten Körpern, die etwa ein Marschieren ermöglichen, womit er einen Angriff auf heteronormierte Körper und Sichtweisen einleitet.
Wenn in den Collage Paintings von Anys Reimann Schnitte, Über- oder Nebeneinanderlagerung stellenweise sichtbar bleiben, so erzeugt sie durch ihre Übermalungen einen fließenden Übergang, der das Transformatorische und Fluide als Möglichkeitsraum von Körpern öffnet.
Hier vollzieht sich eine Öffnung vom Ich zu Allen. »Ich bin viele und weder noch« markiert eine Verwandtschaft mit der Welt,
die Anys Reimann als cultural appreciation versteht. Werke wie Bather, Das Balg, Dark Star Backyard und Elephant Woman, so erzählte mir Anys Reimann bei meinem Studiobesuch, sind ausgesprochen persönliche Bilder. In ihnen geht es unter anderem um Erfahrungen während ihrer Jugend in Duisburg und die Fragen, Sehnsüchte, Neugierde auf und Vorstellungen von »einer, von mir vermissten ›Black Community‹ und wie das Aufwachsen in einem mir unbekannten Heimatland meines Vaters, Guinea, hätte aussehen können.« (Anys Reimann) Was bedeutet es, afropäisch zu sein? Wie wächst man in einer Gesellschaft auf, in der europäisch als synonym für weiß erachtet wird? In der man willkürlich mit einem Kontinent in Verbindung gebracht wird, der einem unbekannt ist.
Schwarzer Garten ist eine sich stets erweiternde Installationsserie, die sich aus einem Beet dunkel blühender Pflanzen zusammensetzt. Erstmalig wurde sie unter dem Titel Wildwuchs, 2019 im Grafenberger Wald in Düsseldorf realisiert und 2021 für die Ausstellung Attempts to Be Many in der Sammlung Philara weiterentwickelt. Erfüllte die erste Präsentation am Wegesrand eines öffentlich zugänglichen Waldes noch die Ansätze natürlicher Voraussetzungen, so wirkte die Einpflanzung von Callas, Alocasias, Anthurien
und Heucheras in ein quadratisches Beet aus schwarzer Erde in einem weiß gestrichenen Ausstellungsraum hochgradig konstruiert – es hat den Pflanzen dort auch nicht besonders gut gefallen. Die von Anys Reimann viel gelesene US-amerikanische Autorin und Yale Professorin Claudia Rankine schreibt in ihren Werken Just Us und Citizen u.a. über Orte, an denen die physische Präsenz von Weißen besonders belastend ist. Ihr Gedicht sound and fury behandelt die hegemonialen Zustände von musealen Räumen, die sich symbolisch in das Weiß von Ausstellungswänden eingeschrieben haben:
‚White portraits on white walls signal ownership of all,
even as white walls white in’
Es ist nicht von der Hand zu weisen, »dass Museen Identität produzieren, ›Eigenes‹ und ›Fremdes‹ zum Thema haben, nationale Unterscheidungen (re)produzieren [...]“ und den White Cube als »Spiegel westlicher Selbstdefinitionen« und Wahrung vermeintlicher Neutralität und Objektivität entwerfen.
Im Nebenraum zu Schwarzer Garten präsentierte Anys Reimann ein Werk mit dem identitätsmarkierenden Titel A Self, ein Cut-Out, das von einer großen Sonnenbrille und einem geöffneten Mund mit herausgestreckter Zunge dominiert wird. Der Teil des Gesichtes, welcher die Haut zeigt, wurde ausgespart. Direkt an der Wand hängend, nimmt das Gesicht den Farbton der dahinterliegenden Wand an – in diesem Fall Braun (RAL 8017). Anys Reimann destabilisiert die Parameter des Ausstellens, indem sie selbst über ihr Framing entscheidet. Sie verschiebt den Rahmen, in dem sie ausgestellt wird, was einen produktiven kritischen Diskurs über ihn ermöglicht und einen Raum der Verhandlung über Identitätsbildung in öffentlichen Institutionen eröffnet. Diese Räume, Schwellen, Passagen und Übergänge machen das Werk von Anys Reimann so besonders. Es sind die drei Punkte hinter Le Noire de ..., die diesen
Handlungsraum auch auf sprachlicher Ebene kennzeichnen. In ihnen sind Prozess und Aktualisierung um Fragen zur Identitätsbildung bereits mitgedacht.
Wiederholt gebraucht Anys Reimann sprachliche Begrifflichkeiten der europäischen Kunstgeschichte assoziativ für ihre Titel, arbeitet ihnen jedoch entgegen. Bereits 2010 verwendet sie in ihrer frühsten Collageserie, Incarnat, einen Terminus aus der Malereigeschichte, der die Farbzusammensetzung und maltechnische Ausformung von körperlicher Oberflächenbeschaffenheit beschreibt, die aus verschiedenen Nuancen zusammengesetzt werden. Während der aus der Malerei entnommene Begriff einerseits Körperlichkeit erzeugen soll, in dem er Volumen und Haptik illusioniert, dekonstruiert Anys Reimann in dieser Serie zugleich jede Form von »menschlicher Gestalt«. Die nebeneinander gesetzten »body parts« verschmelzen zu abstrahierten utopischen Landkarten, ohne dabei ihre Körperlichkeit einzubüßen. Stattdessen stillt die Künstlerin das Bedürfnis nach taktiler Erfahrung über das Material, indem sie »unter die Haut geht« und die collagierten Papierfragmente auf synthetischen Lederschichten platziert.
Anys Reimann widmet sich allen Bestandteilen, die Identitäten ausmachen und zwischen Werden und Sein wachsen von der kleinsten Wesenseinheit, dem (Duft-) Molekül, über Mimik, Gestik und Haptik, über Namen, Kleidung, kollektive Codes und Kontexte.
Es mag kaum überraschen, dass Anys Reimann für die Ausstellung „Eintauchen in die Kunst“ im MUT Bochum, Situation Kunst, 3.5. - 8.10.2023, unter anderem eine Duftmaschine / Odorific machine (als Selbstporträt) entwickelt hat. Diese immersive, ‚immaterielle‘, Skulptur richtet sich an die olfaktorischen Sinne, um Nähe und Intimität zu erzeugen: »So setzt sich meine Kunst ›sinnlich‹ zusammen; vom kleinsten Teil ausgehend, sich definierend, aus vielen Einzelteilen, die sich zu einem Ganzen zusammensetzen lassen (können), um dann als Körper, einem Individuum aus vielen Facetten, in Erscheinung zu treten.« (Anys Reimann).
Beim Betreten des Ausstellungsraumes
ist die Nase schon da.“
2023
Katharina Klang ist Kuratorin
für Gegenwartskunst und Gründungs-
direktorin der Sammlung Philara, die
sie von 2016–2022 leitete. Sie studierte
Kunstgeschichte und Philosophie in
Düsseldorf und Prag. Neben ihrer
Arbeit als Autorin und Dozentin ist sie
im Board der Nan Hoover Foundation,
kuratierte Ausstellungen in Israel und
Kosovo und initiierte im Frühjahr 2022
im Verbund Rhineland Independent ein
Symposium über kulturelle Verantwor-
tung. Im Frühjahr 2024 übernimmt Sie,
als Doppelspitze zusammen mit Victoria Tarak den Bielefelder Kunstverein.
BERNEHAIN, 2022
Temporäre Skulptur im öffentlichen Raum
Moltkeplatz, Essen Südviertel
Einführung von Dr. Anna Fricke, Kuratorin für zeitgenössische Kunst, Folkwang Museum Essen
"Im Zentrum von Anys Reimanns Werken steht der Körper. Über ihn verhandelt Reimann Fragen der hybriden Identität. Auf einer ganzen Reihe von Collagen und collagierten Gemälden sind die Figuren aus schwarzen Menschen und weißen Menschen zusammengesetzt, ein Blick und eine Herangehensweise, die sie bis in die Materialien fortsetzt: gefundene Bilder treffen auf gemalte Passagen, selten stammen am Ende beide Augen von derselben Person. Sie verbildlicht somit die grundsätzliche Hybridität jeglicher Identität und auch jeglicher Kultur, die sich immer nur durch Austausch weiterentwickeln kann.
Aber Reimann hat sich dabei nie auf das 2-Dimensionale beschränkt, für ihre OFELIA-Serie pflanzt sie seit 2019 dunkle Gärten, die fremd erscheinen in ihrer Umgebung – wie Gegenbilder zum bunten Blütengarten. Diese Serie hat für mich den Ausschlag gegeben Anys Reimann für ein Projekt am Moltkeplatz einzuladen. Was sie daraus gemacht hat, geht weit über die bisherigen OFELIA Gärten hinaus, reicht in die Tiefen der Ruhrgebietsgeschichte, umfasst Kohle und Bergbau, gräbt nach vergessenen Erzählungen und lässt mit BERNEHAIN einen geheimnisvollen Ort entstehen, der uns nicht zuletzt den unter uns im verborgenen fließenden Gewässern gewahr werden lässt.
Selbst in Duisburg aufgewachsen realisiert Reimann damit erstmals eine Installation im öffentlichen Raum im Ruhrgebiet. Nach einem Ingenieurstudium und ihrer Arbeit als Innenarchitektin studierte Anys Reimann an der Düsseldorfer Akademie bei Thomas Grünfeld und Ellen Gallagher. In den letzten beiden Jahren hat ihre Arbeit viel Aufmerksamkeit erfahren, sie hatte dieses Jahr Ausstellungen bei Philara in Düsseldorf und im Dortmunder Kunstverein. Im kommenden Jahr können Sie ihre Werke in vielen weiteren Ausstellungen sehen.
Herzlichen Dank für diese vielschichtige Arbeit, liebe Anys, das Wort ist Deins."
LE FEMININ @VAN HORN gallery
24.6.2022
a corresponding solo exhibitions of works by Anys Reimann and Meg Lipke.
The exhibitions celebrate working with different media and the resulting forms of expression that interact and reinforce each other.
Meg Lipke describes her soft objects sewn and painted from canvas fabric as painting. Stuffed with polyester, they lie, stand or hang on the wall. Their presence is carried by apparent contradictions: light and heavy, with softness and edges that tell of the exact adherence to structure.
Anys Reimann’s collage-based practice makes it its business to allow fragments to become a whole, always thinking of “hybridity as a fundamental form of construction”. Her works, be they composite and painted works on paper, wood or linen (or even sculptures) allow overlaps and overlaps of form and material to become the centre. The fragment, the one part of many, combines and becomes the whole. The medium is the message. In her artistic practice, Anys Reimann deals with being “different”, with the representation of heterogeneous culturality and what it can mean when social codes are broken and expanded through self-determined representation. Her figures are mostly composed of images of different parts of the bodies of women of different origins. Together, this results in a group of female-coded persons who present themselves with strength, defiance, sensuality and without averting their gaze. The difference between being depicted and a selfdetermined self-presentation becomes immanent here.
Meg Lipke, like Reimann, also allows a unique relationship between medium and materiality to emerge. Since 2014, the artist has abandoned the traditional format of painting and begun sewing canvas fabrics together, stuffing them and painting them. Freed from the stiffness of the stretcher frame, the objects become soft and pliable. “When painting becomes the body, the canvas becomes the skin” Lipke stated in an interview with Catherine Haggarty in 2021. Linked by volume and weight, often with recesses that remind us of the rules of positive and negative space in classical painting, the objects become an anthropomorphic experience. Femininity takes on a very defining role in Meg Lipke’s oeuvre, as much foregrounded by absence (a solo exhibition in 2018 Lipke titled “The Woman in the Painting Has Left”) as pervasive silence can be of beguiling noise.
The female body, captured on countless canvases over the centuries, painted by male hands, seen through male eyes and determined by patriarchal structures, forges a new path as well in Lipke’s painting as in Reimann’s works, which exists detached from frames and boundaries. The body is reimagined and can take its place in this space that is liberated from the design specifications of past times.
What both artists have in common is this physical experience of their works. Lipke’s painting-sculptures and Reimann’s sculpture-collages. Bodies sewn from fabric, faces from paper, from leather, painted with oil and acrylic. It is a process of exhaling, of allowing oneself to move out of the framework attributed from the outside, a concession given to oneself to expand, to grow. Viewing and encountering the works of Anys Reimann and Meg Lipke is a somatic, sensual and multi-dimensional experience.
Text: Clara Stratmann
Meg Lipke was born in Portland, Oregon in 1969 and holds an MFA from Cornell University. Her work is exhibited and reviewed internationally. The artist lives and works in Brooklyn, New York.
Anys Reimann was born in 1965 to an East Prussian mother and a West African father. She studied sculpture and painting at the Düsseldorf Art Academy. Her works are represented in important private and museum collections. The artist lives and works in Düsseldorf.
POISE Perfume
on the ocassion of strike-a-pose festival
24.6. - 26.62022
PULP @mouches volantes
5.2.-5.3.2022
Mouches Volantes
monopol-magazin.de
ATTEMPTS TO BE MANY @ Sammlung Philara
29.10-21-0.2022
rhineart.com
Ddorf-aktuell.de
Rheinische Post
FLUIDITY @ Dortmunder Kunstverein
12./14.8. - 5.9.2021
Dortmunder Kunstverein
artipool.de
Anys Reimanns Collagen und Skulpturen thematisieren Identität, Annäherung, Sexualität und Geschlecht. Sie erzählt ihre Geschichte aus neuen Perspektiven. Ihre obskuren, ironischen, körperlichen Objekte zeugen von der Komplexität intersektionaler Erfahrungen.... von Fremdzuschreibungen und/oder Fetischisierungen.
Reimann kontrastiert diese dezidiert mit reichen Gesten und Ikonen der globalen Kulturgeschichte und des schwarzen Empowerments.
Mit ihren Referenzen macht sie auf Lücken in westlich-zentrierten Kulturkonzepten aufmerksam und unterläuft eine einseitige Lesart.
Ihr Repertoire gleicht einem organischen Kreislauf: Sie komponiert fließende Wesenheiten, vom kleinsten Element, dem (Duft-)Molekül, über nuancierte Hautfragmente, Teint, physische Materialien, bis hin zur figurativen Darstellung einer Persönlichkeit und ungewöhnlichen berührenden Installationen ....
Und wieder zurück zur Dekonstruktion.
Diese einzigartige künstlerische Praxis, bei der sie verschiedene Materialien zusammenfügt und Formen, Erzählungen, Bedeutungen und Kultur miteinander verschränkt und überlagert, entspringt einem Verständnis von Identität, das Hybridität als eine grundlegende Form der Konstruktion betrachtet.
english
Anys Reimann's collages and sculptures address identity, approach, sexuality and gender.
She narrates her-story from new perspectives.
Her obscure, ironic, corporeal objects testify to the complexity of intersectional experiences.... of alien attributions and/or fetishizations.
Reimann decidedly contrasts these with rich gestures and icons of global cultural history and black empowerment.
With her references, she draws attention to gaps in Western-centric concepts of culture and undermines a one-sided reading.
Her repertoire resembles an organic cycle: she composes fluid entities, from the smallest element, the (scent) molecule, to nuanced skin fragments, complexions, physical materials, to the figurative representation of a personality and unusual touching installations ....
And back again to deconstruction.
This unique artistic practice, in which she assembles different materials and intertwines and superimposes forms, narratives, meanings and culture, stems from an understanding of identity that considers hybridity as a fundamental form of construction
Die Collagen von Anys Reimann sind affektgeladen.
Sie regen zum Anfassen der sinnlichen Materialien (Velours, Glattleder, Fell etc.) an, verführen mit Anklängen an falsche Fährten und sind sexy.
Die Hautschnipsel, Körperfragmente, Haare … werden oft kombiniert und durch Malerei ergänzt, arrangiert mit einer seltsamen Lakonie, die ein flottes Dahinwerfen suggeriert, was es sicherlich nicht ist.
Inhaltlich geht es um Identität als Mensch (selbstbewusst und stolz – nicht jammernd) und die Dekonstruktion (und manchmal auch wieder Synthese) von Objekten und Körpern.
english
The collages of Anys Reimann are affect-laden.
They encourage you to touch the sensual materials (suede, smooth leather, fur, etc.), they seduce you with hints of false leads and are sexy.
The snippets of skin, body fragments, hair… are often combined and completed by paintings, arranged with a strange laconicness that suggests a brisk throwing down, which it certainly is not.
The content is about identity as a human being (self-confident and proud – not lamenting), and the deconstruction (and sometimes back to synthesising) of objects and bodies.